Leseprobe

Die Rachsüchtige

In jener Nacht
Mein Herz klopft rasend schnell, jeder Atemzug schmerzt. Trotzdem höre ich nicht auf, zu rennen. Ich muss hier weg. Das ist alles, was ich denke. Alles, was ich fühle. Ich muss hier weg.
Ohne zu wissen, warum.
Ich werde langsamer, bleibe stehen, warte, bis sich mein Atem beruhigt. Mir ist kalt und es ist dunkel, Nacht. Die Luft riecht nach Moder und feuchtem Zement, obwohl links und rechts nur Bäume sind. Ich schaue mich um, ob mir jemand folgt. Ich bin allein. Nur Wald, die Straße und ich. Warum habe ich Angst, dass mir jemand folgt? Was ist passiert? Warum weiß ich das nicht mehr?
Ein scharfer Schmerz durchzuckt mein linkes Knie. Ich blicke an mir hinab. Die Hose ist zerrissen und voller Dreck. Hektisch wische ich mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, um besser sehen zu können, da bemerke ich, dass sich meine Finger um einen Gegenstand klammern. Eine gerissene Perlenkette. Sie gehört mir nicht. Oh Gott, was ist mit meinen Händen los? Überall klebt schwarzes Zeug. Wie eine Kruste, die sich bis unter meine Fingernägel drückt. Ich bringe die Hände an mein Gesicht und rieche Eisen, Blut. Plötzlich verkeilt sich ein Schuldgefühl in meiner Brust, steigt mir in die Kehle, lässt mich wimmern.
Von hinten trifft mich grelles Licht. Ich drehe mich um und sehe ein Auto näher kommen. Schnell wende ich mich wieder nach vorn, gehe weiter, stecke die Hände unter mein Top und hoffe, dass der Fahrer nichts bemerkt. Der Motor wird langsamer, tuckert hinter mir her. *Hör nicht auf, zu gehen.* Ich starre auf meinen Schatten, der im Scheinwerferlicht aussieht wie der riesige Docht einer Kerze. Weiß der Fahrer, was passiert ist? Oder fragt er sich, was ich allein auf der Landstraße mache? Mitten in der Nacht. Ich weiß es selbst nicht. Ich hab’s vergessen. Einfach so. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist der Streit mit meinen Eltern. Meine Mutter war ausgeflippt, weil sie in meiner Hosentasche ein paar Gramm Haschisch gefunden hat. Dabei mischt sie sich sonst auch nie in mein Leben ein. Aber als ich die Haustür wütend hinter mir zugeknallt habe, war es noch hell. Ich hatte kein Blut an den Händen und keine fremde Kette in der Hand – das weiß ich ganz genau.
Endlich überholt mich der Wagen. Nein. Er fährt jetzt neben mir her. Ich blinzle hinüber und sehe am Steuer einen jungen Mann, nicht viel älter als ich. Um die zwanzig. Er blickt mich an, als wäre ich ein streunender Hund.
Ich weiche auf den Seitenstreifen aus, bleibe stehen und hoffe, dass er weiterfährt. Aber das tut er nicht. Er hält ebenfalls an, beugt sich auf die Beifahrerseite und schubst die Tür auf. Der Puls rast in meinen Ohren.
»Soll ich dich mitnehmen?« Er klingt besorgt.
Ich schüttle den Kopf und bewege mich nicht von der Stelle. Er soll einfach weiterfahren.
Kurz blickt er in den Rückspiegel, dann sieht er wieder mich an. »Steig ein. Hier draußen ist es gefährlich allein.«
Ich betrachte seine Hände, die sich um das Lenkrad klammern. Dann schaue ich ebenfalls zurück. Wie weit bin ich schon gelaufen?
»Steigst du jetzt ein?«, fragt er ungeduldig.
Ich studiere sein Gesicht, die Brille, die dunklen Augen, mit denen er mich fragend ansieht, die blonden, leicht gewellten Haare. Vielleicht ist es besser, wenn er mich von hier wegbringt.
Unauffällig stopfe ich die Perlenkette in die Tasche meiner Cargohose, setze mich in den Wagen und ziehe die Tür zu.
Er mustert mich von oben bis unten, betrachtet die Stachelnieten an den Trägern meines Gothic-Oberteils. Für einen kurzen Moment verfängt sich sein Blick an der tätowierten Rose über meinem Dekolleté, dann bemerkt er meine blutverkrusteten Hände und reißt die Augen auf.
»Ich bin hingefallen. Es hat schon aufgehört zu bluten. Alles halb so schlimm«, sage ich und schiebe die Hände unter meine Oberschenkel, als könnte ich so das Blut vor ihm verstecken. Aber es ist überall.
Er schluckt und blickt wieder auf die Straße. Ich glaube, das viele Blut hat ihm Angst gemacht. Vermutlich spürt er, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Er ist kreidebleich.
»Ich bin Kristina. Danke, dass du mich mitnimmst«, sage ich.
Ich muss sein Vertrauen gewinnen. Mich normal verhalten. Ich will nicht, dass er Angst vor mir hat. Nie wieder will ich, dass jemand Angst vor mir hat.
Er nickt. »Ich bin David.«
Ich sehe auf die Uhr am Armaturenbrett. Es ist zwanzig nach vier.
»Wo wolltest du hin?«, frage ich.
»Zu meinem Onkel. Nach Bremen.«
»So früh?«
»Ich muss um zehn Uhr dort sein.«
»Nimmst du mich mit?«
Er sieht mich skeptisch an. »Zu meinem Onkel?«
»Nach Bremen. Ich hatte Streit mit meinen Eltern. Ich will für eine Weile untertauchen. Egal wo.«
»Okay.« Er spricht das Wort bedächtig aus. »Bist du dir sicher, dass du nicht lieber ins Krankenhaus willst?«
»Nein, es ist wirklich nicht schlimm«, beschwichtige ich.
Er nickt.
Ich glaube, er ist nicht gerade begeistert darüber, mich so eine weite Strecke mitzunehmen. Von Hanau nach Bremen sind es bestimmt vier bis fünf Stunden. Vielleicht traut er sich nicht, Nein zu sagen. Ich sollte ihn später bitten, an einer Raststätte Halt zu machen, damit ich nachsehen kann, was mit meiner Wunde am Bein ist, dann kann ich auch das Blut von meinen Händen waschen.
Mit einem leisen Atemzug verscheuche ich das hartnäckige Schuldgefühl in meiner Brust und versuche noch einmal, mir darüber klar zu werden, was passiert ist. Die Erinnerung an den Streit mit meinen Eltern fühlt sich so weit weg an.
»Welcher Tag ist heute?«
Er sieht mich stirnrunzelnd an. »Samstag. 29. August.«
Samstag? Der Streit mit meinen Eltern war an einem Montag, genauer gesagt am 24. August. Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Es kann doch nicht sein, dass mir fast eine ganze Woche fehlt. Ob das Gras nicht sauber war? Vicki hatte schon öfter einen Blackout, wenn sie zu viel davon geraucht hat. Es ist, als hätte sich ein schwarzes Loch aufgetan, das einen Teil meines Lebens einfach so verschluckt hat. Ob das bei Vicki auch so war?
Ich blicke durch das Seitenfenster. Was, zum Teufel, hatte ich auf der Straße nur zu suchen?

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