Leseprobe

Der stille Feind

Die Ziffern auf dem Radiowecker zeigen 5:28. Mark ist schon seit einer halben Stunde weg, und doch könnte ich schwören, ihn gehört zu haben.
Ich lausche ins Halbdunkel. Mein Atem geht flach. Es riecht nach Rauch, beißend, süß. Noch einmal sauge ich die Luft ein, richte mich auf, horche, ob irgendwo ein Feuer knistert. Aber da ist nichts. In meinem Kopf staut sich das Blut, weil ich sekundenlang den Atem anhalte. Vielleicht kommt der Geruch von draußen durch die Lüftung. Der säuselnde Hauch bläst durch die Lamellen. Die Fenster sind zu, das weiß ich. Sebastian ist hier in Sicherheit. Niemand wird ihn holen.
Warum denke ich so etwas? Ich weiß doch, dass keiner kommen wird, um ihn mir wegzunehmen. Und trotzdem verspüre ich diese Angst im Bauch. Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen und seufze. Unser Sohn macht mich ganz verrückt mit seinem Wahn.
Mein Blick streift durch den Raum, der Rauchgeruch ist weg. Merkwürdig. Ich schnuppere noch einmal. Mein Herzschlag beruhigt sich wieder. Ich sehe umher und fixiere die gerahmten Familienfotos, akkurat aufgehängt an der taupefarbenen Wand unseres Schlafzimmers. Unseres neuen, gemeinsam eingerichteten Schlafzimmers. Mit einem Kleiderschrank aus Kirschbaumholz und einem viel zu großen Bett, von dem wir jetzt froh sind, dass es so groß ist. Jeder seine Seite, in der Mitte eine Linie, die unsere Hälften voneinander trennt. Viel Platz für jeden. Ich sollte die Bilder austauschen. Sie gegen neue ersetzen, zeitgemäßere. So viele Lügen an einem Fleck hält doch keiner aus.
Schnell wende ich den Blick ab. Wieder halte ich inne. Da ist ein Knarren, als ob jemand die Treppe hochgeht. Mein Herz steht für einen Augenblick still. Jetzt ein Schluchzen. Kaum hörbar, aber mein Instinkt schickt den Laut durch jede Faser des Bewusstseins.
Ich schlage die Decke zur Seite und schlüpfe in das T-Shirt, das auf dem Boden liegt. Leise gehe ich ums Bett, während mein Herz schlägt wie eine Buschtrommel. An der Tür angekommen, vergrößere ich den Spalt und linse hinaus. Die tief stehende Morgensonne wirft Licht durch das Fenster am Ende des Flurs. Alles scheint ruhig. Ich wage den Schritt über die Schwelle.
Noch während ich am Bad vorbei zur Treppe schleiche, fällt hinter mir eine Tür ins Schloss, so laut, dass ich erschrocken stehen bleibe. Ich fahre herum, mein Blick haftet an der Tür zu Sebastians Kinderzimmer. Sie ist die einzige, die ganz geschlossen ist. Zugefallen? Zugestoßen? Mir wird heiß, meine nackten Fußsohlen machen tappende Geräusche, als ich auf dem Holzboden hinübereile. Ich öffne die Tür, sehe nach links zu seinem Bett. Es ist leer. Mein Blick schießt am Wandregal mit den Büchern und Spielen entlang, hin zur Truhe, in der sich seine Plüschtiere türmen.
Ich drehe mich um und haste wieder zur Treppe. Nach einigen Stufen bleibe ich stehen und halte den Atem an. Im Erdgeschoss bewegt sich etwas, ein Schatten huscht über die Wand.
»Mami?«, höre ich Sebastians ängstlichen Ruf.
Ich nehme die letzten Stufen und sehe ihn. Mitten im Hausflur. Mit großen Augen schaut er mich an, zupft an seiner Schlafanzughose und bewegt sich nicht von der Stelle.
»Warum bist du hier unten?«, frage ich und spüre sofort, dass irgendwas nicht stimmt. Es ist noch so früh, normalerweise schläft er lang und steht erst auf, wenn ich ihn wecke.
Seine Augen werden glasig. Ich gehe zu ihm, schließe ihn in die Arme und streichle über seinen Kopf. Die blonden Haare sind nassgeschwitzt, kleine Locken kringeln sich am Nacken. Da bemerke ich, dass sich seine Finger um einen kleinen, glänzenden Gegenstand krallen. Ich löse die Umarmung, hebe seine Hand und erblicke ein Feuerzeug. Es ist mit dem Muster der amerikanischen Flagge bedruckt, an den Kanten abgestoßen, und mir völlig unbekannt.
»Wo hast du das her?«
Er deutet zur Treppe. »Es lag da. Der böse Mann aus meinem Traum hat es verloren. Er will mich mitnehmen.«
Der böse Mann aus seinem Traum? Vielleicht ist es Mark aus der Tasche gefallen. Aber warum sollte Mark ein Feuerzeug bei sich tragen?
In der Küche angekommen, werfe ich einen Blick ins Wohnzimmer. Die Türen zum Garten sind allesamt geschlossen. Nichts deutet darauf hin, dass jemand hier gewesen ist.
»Was ist da, Mami? Was suchst du?«
Ich fahre herum. »Nichts. Setz dich, ich mach dir ein Müsli, okay?«
Warum lasse ich mich immer wieder dazu hinreißen, Sebastians Träumen Glauben zu schenken? Bilde mir sogar ein, dass jemand im Haus gewesen sein könnte. Nur weil er in der Vergangenheit ein paar Mal richtig gelegen hat? Nein, das waren Zufälle, banale Dinge. Nichts, worüber man sich Sorgen machen muss. Doch inzwischen übertreibt er es. Hat Angst, dass alles wahr wird, wovon er träumt – das ist kaum auszuhalten.
Seufzend räume ich den Teller weg, den Mark wie immer hat stehen lassen, stelle meine Tasse unter die Düse des Kaffeeautomaten und schütte Milch und Cornflakes in die Schüssel, während Sebastian seine Hefte aus der Schultasche holt und sie auf dem Esstisch ausbreitet.
Das Mahlwerk fängt zu schreddern an, Kaffeeduft füllt den Raum. Ich werfe einen Blick durchs Küchenfenster, um sicherzugehen, dass Mark auch wirklich schon zur Arbeit gefahren ist. Sein Ford parkt nicht mehr in der Einfahrt. Sicher habe ich seine Stimme nur geträumt.
Ich stelle das Müsli zwischen Sebastians Hefte, nehme meine Tasse und sehe auf die Uhr. Noch zweieinhalb Stunden, dann müssen wir los. Mark habe ich den Termin verheimlicht, weil er es ohnehin nicht verstehen würde. Er ist ein Realist, der sich an Fakten orientiert. Für ihn sind Sebastians Albträume nur eine vorübergehende Phase, schließlich sei das bei Kindern in diesem Alter ganz normal. Aber mich belasten sie. Ich habe Angst, dass irgendwas mit unserem Sohn nicht stimmt. Deshalb werde ich mit ihm dort hingehen, ob es Mark passt oder nicht.
»Bleibst du da und hilfst mir bei der Aufgabe für Deutsch?«, fragt Sebastian, als ich fast zur Tür raus bin.
»Ich rufe nur schnell meine Mails ab, dann komme ich, okay?«
Er verzieht den Mund zu einem breiten Strich, senkt den Kopf und nickt. Mit der Hand streiche ich über sein Haar, dann gehe ich ins Arbeitszimmer und klappe den Laptop auf. Der Ruhemodus verflüchtigt sich. Am oberen Bildschirmrand erscheint das Pop-up mit einer Liste neuer E-Mails. Mit dabei eine Mail von Ralf Bent, dem Produzenten von Delta Media. Ich klicke sie an und überfliege den Inhalt. Er bittet mich, ihm das geänderte Treatment zu schicken, und er will das überarbeitete Drehbuch bis Ende der Woche auf dem Schreibtisch haben. Wie soll ich das bis dahin schaffen? Seit Wochen quäle ich mich durch die Änderungen und habe das Gefühl, die Geschichte entgleitet mir immer mehr. Bent und sein Regisseur lieben meine Story – vorausgesetzt, ich biege sie so hin, wie sie sie haben wollen. Aus meinem geistreichen Drama wurde nach und nach ein Psychothriller. Das Einzige, was geblieben ist, sind die Figuren und das Setting. Als Location habe ich das leer stehende Häuschen mit angrenzender Scheune im Sinn, das Mark, Sebastian und ich kurz nach unserem Umzug in einem nahegelegenen Waldstück entdeckt haben. Das will ich mir die Tage unbedingt näher ansehen. Vielleicht können wir dort ein paar Szenen drehen. Natürlich ist das nur Wunschdenken, denn erfahrungsgemäß habe ich da nicht viel mitzureden.
Ich öffne das Treatment, überprüfe noch schnell die Szenenabfolge und schicke es Bent. Als nächstes klicke ich das Drehbuch an, nur, um einen kurzen Blick darauf zu werfen. Nach und nach scrolle ich im Text nach unten – und lese mich fest. Ich schreibe die Stelle um, an der meine Protagonistin dem Polizisten die Tür aufmacht, füge dann hier und da noch Sätze ein.
Als ich irgendwann auf die Uhr sehe, stelle ich erschrocken fest, dass zwei Stunden vergangen sind. Mein Gedanke schießt zu Sebastian. Ich halte inne. Es ist so ruhig. Warum ist es so ruhig? Kein Seitenrascheln, kein Summen oder Plappern.
»Sebastian?«
Keine Antwort.
Wie erstarrt sitze ich da. An meinen Armen stellen sich die Härchen auf, als hätte jemand über meine Haut gestreift. Vom Ellenbogen bis hinab zum Handrücken. Die gespenstische Stille wird durchbrochen, als ich mich auf dem leise quietschenden Sessel vorneige, um durch die Tür zu spähen …

Jetzt bestellen:

Erhältlich als E-Book bei amazon für nur 2,99 Euro
und als Taschenbuch in jedem Buchhandel für 11,90 Euro